Montag, 8. November 2010

Nadia Meissnitzer - Autofahren - und andere Tücken des Alltags

Hier sind einmal einige wahre Geschichten zu Autofahren, für Frauen und Männer, zum Lachen oder Weinen. Aber, ich garantiere denen, die trockenen Humor lieben, ein tränenreiches Lesen vor Freude.

Die Autorin Nadia Meissnitzer hat hier wahre Geschichten auf Papier gezaubert, die das Zwergfell hüpfen lassen. Viel Genuss und Spass beim Lesen.

Das Copyright für diese wahren Geschichten liegen ganz alleine bei Nadia Meissnitzer.

Wer Interesse hat, kann mich anschreiben und bekommt von mir Nadia Meissnitzers E-Mail-Adresse.

Also dann mal los und die Lachmuskeln kitzeln.

Vor langer, langer Zeit... oder wie der Engländer sagt :               once upon at time ...

habe auch ich meinen Führerschein "gemacht". Ich war ungemein stolz darauf, insbesondere auf den Vermerk "beim Lenken eines Kraftfahrzeuges ist ein Sitzpolster zu verwenden". Dieses Unikat verdanke ich einem alten Herrn Medizinalrat am Verkehrsamt, der mir die stolz gemeldeten 158 cm Körpergröße nicht abkaufen wollte und darauf bestand, mich höchstpersönlich - „gnädige Frau hin - gnädige Frau her“ - zu vermessen. Nachdem er das mickrig ausgefallene Ergebnis aus seiner imposanten Höhe (von mir aus gesehen) amüsiert betrachtete, teilte er mir jovial mit "Mädel, klein bist Du!" Ich war damals etwa 38 Jahre alt, also wies ich die familiäre Anrede zurück. Sein Urteil ließ keine weitere Widerrede zu : „Mädel, mit 1m53 hast keinen Anspruch auf „gnädige Frau“!

Gleich bei meiner Jungfernfahrt wurde ich auf der Straße routinemäßig kontrolliert. Die Polizisten reichten einander meinen Führerschein und erkundigten sich heiterer Miene nach dem Sitzpolster. Leicht pikiert gab die Auskunft, dieser befände sich vorschriftsmäßig unter meinem Arsch. Eine etwaige Beamtenbeleidigung ging im röhrenden Gelächter unbemerkt unter.

Die Nachhilfestunde mit meinem Gemahl endete damals mit einer Ehrenbeleidigung (was glauben Sie was er alles zu mir sagte!), grober Körperverletzung (1. was glauben Sie, wie laut er das sagte!! 2. außerdem trat er meinen zierlichen "Gasfuß" auf eine Fläche von 50 cm Durchmesser breit), einem fortlaufenden Rufmord-versuch (was glauben Sie, was er noch heute herumerzählt!) und beinahe vor dem Scheidungsgericht. Mein Mann fühlte sich wiederum zutiefst gekränkt, als ich seinen Vorwurf "jeder Trottel kann doch autofahren!" mit der trockenen Feststellung "ach ja richtig, Du kannst es ja auch!" postwendend bestätigte.

Daraufhin erbot sich der schöne Willi, mit mir einige Runden auf dem Übungsplatz zu drehen. Im Gegensatz zu meinem Mann hatte er eine Engelsgeduld und sparte nicht mit Lob: "Bravo Frau Meißnitzer, jetzt sind wir schon ganze 5 Minuten lang mit satten 50 Km/H gefahren!" Todesmutig absolvierte ich dann noch rund vier wacklige Alleinfahrten. Nach dem letzten, ziemlich untauglich ausgefallenen Versuch habe ich meinem Mann den Kauf eines neuen (natürlich sündteuren) Tennisschlägers aus dem Familienbudget bewilligen müssen. Bei unserer alten Familienkutsche hat der Retourgang "etwas gehabt", wie es mein Mann formulierte. Er empfahl mir, den Retourgang möglichst gar nicht, notfalls aber "nach Gefühl"


einzulegen. Dummerweise fuhr ich auf unseren Parkplatz zu schräg ein, musste also wohl oder vielmehr übel zurückschieben, der eingelegte Retourgang sprang klammheimlich auf den ersten Gang um (woher sollte ich auch das, mir ans Herz gelegte "Gefühl" überhaupt hernehmen?) und ich donnerte prompt in den Schranken hinein. Ich ließ das Gefährt stehen, lief nach Hause, schlug meinem Mann den Kauf des lang ersehnten Prackers vor und empfahl ihm, SEIN Auto zu befreien und ordnungsgemäß einzuparken. Am nächsten Tag hat ein anderer Fahrkünstler den Schranken komplett weggeknickt und ich biss mich vor Wut in den Hintern.

Nach diesen Erfahrungen wurde ich ungemein sportlich und stieg auf Fahrrad um. Mit der Zeit legte ich mir noch ein Dreirad zu (Shoppingbike genannt pick-up), mit dem ich sämtliche Einkäufe locker und bequem erledigen konnte und noch heute beim Schönwetter den Famillienwauwi promeniere.

Kaum meine Kinder (zumindest amtlich) erwachsen wurden, sorgte ich bereitwilligst für den erforderlichen Obolus für die Führerscheine mit der Auflage, mich bei Schlechtwetter trockenen (bzw. warmen) Fußes ins Büro zu befördern. Es funktionierte tatsächlich eine ganze Weile, zudem das Wetter in Wien meist recht harmlos ausfällt. Mit der Zeit schwand jedoch die Dankbarkeit, die Zeit meiner Kinder wurde offensichtlich immer knapper und deren Gesichter immer länger, präventiv bereits bei einer ungünstigen Wettervorhersage. Letztes Jahr platzte mir endlich der Kragen, ich konnte das einheitliche Famillienschnoferl nicht mehr ertragen. Man zierte sich, als ob man mich die 5 km zwischen Haus und Büro in den Armen hätte tragen müssen.

Ich bat also meinen Schwiegerneffen, sich nach einem ebenso handlichen wie deppensicheren Fahrzeug umzusehen. Das Resultat stellte sich innerhalb von 3 Wochen ein: ein schmucker SMART, damenhaft elegant in Silberschwarz. Ich war begeistert – und avancierte kurzerhand zum Clown der Nation.

Als ich das Prachtstück voller Stolz meinem kanadischen Neffen Patrik präsentierte, behauptete er, dass in Kanada „so etwas“ als Zubehör serienmäßig im Kofferraum von jedem ordentlichen Fahrzeug wäre. Seine steinreiche amerikanische Freundin meinte, man könnte damit bequem von der Eingangstür in den Salon gelangen. Meine Schwester empfahl mir per Mail doch lieber auf dem Gehsteig zu fahren, damit wir (ich und mein Herr SMART) auf der Fahrbahn nicht den anständigen Autos unter die Räder kommen. Das Kommentar meines Mannes erstreckte sich von „bist Du deppert geworden?“ über „so etwas kommt überhaupt nicht in Frage!“ bis zu „jöh, ist das lustig zu fahren!“

Ich hielt mich seit jeher für ausgesprochen humorvoll – dennoch schaffte ich es vorher noch nie, so viele Mitmenschen innerhalb kürzester Zeit und ohne jeglicher Anstrengung zum Wiehern zu bringen.

Mit meinen mittlerweile 57 Jahren schloss ich mich nun den breiten Massen von Autofahrern an, die nicht wirklich autofahren können, es aber trotzdem tun. Die ersten Fahrversuche (Haus-Büro) absolvierte ich mit meinem Schwiegersohn Chris, dem in Abwesenheit der Schwarze Peter zugeschanzt wurde. Ich machte rasche Fortschritte, sodass ich nach einer einzigen Übungswoche bereits einen ganzen Kilometer lang mit dreisten 50 Km/h dahinraste. Für den Rest des Tages war dieses einmalige Erfolgserlebnis mein einziges Gesprächsthema. Mit der Zeit verschwand auch der unbändige Drang sofort auf den Gehsteig zuzusteuern sobald ich im Rückspiegel hinter mir EIN AUTO erblickte, eine alte Gewohnheit aus meinen vergangenen Radfahrerzeiten. Ehrlich gesagt, mein geliebter SMART ist nur unwesentlich größer als mein altgedientes Dreirad und ich habe einen durchaus begründeten Verdacht, dass ich mit dem „pick-up“ um einiges schneller unterwegs gewesen bin!

Nach Chris engagierte ich Rudi, einen waschechten Fahrlehrer. Zusammen drehten wir einige gemütliche Runden: Haus-Büro-Haus. Eines Morgens holperte ich mit Rudis wohlwollender Assistenz ins Büro, er parkte meinen Mätschbox-Mercedes strategisch ein, teilte mir suggestiv mit, dass ich damit am Abend locker weg- und nach Hause fahren kann, wünschte mir viel Glück und fuhr mit der Schnellbahn davon. Nach Büroschluss, stieg ich (mit Rudis imperativ-geistigem Nachlass „Du schaffst es!“) problemlos ins Auto, kramte die Betriebsanleitung hervor und studierte eine halbe Stunde lang, wie das Vehikel überhaupt zu starten sei. Dabei war mir allerdings leicht mulmig zumute, da ich einem zufällig vorbeigekommenen Polizisten kaum hätte klarmachen können, dass ich nicht gerade dabei bin, das Wunderding zu stehlen. Wer würde da auch glauben, dass ich nicht imstande bin mein eigenes Fahrzeug ohne Handbuch in Betrieb zu nehmen! Der Parkplatz war am Abend wie leergefegt, also fuhr ich nach einem letztendlich gelungenen Start bravourös aus der 200m² „Parklücke“ heraus und gelangte etwas erschöpft doch überglücklich nach Hause.

Die allabendlichen Heimfahrten waren fein: ich schlich mit 30 Km/H souverän durch die Dunkelheit, hinter mir eine Riesenschlange geduldiger Autofahrer, keiner hupte, niemand zeigte mir den Vogel! Mein Mann be-hauptete, es wäre kein Wunder, da mich die übrigen Verkehrsteilnehmer im Dunkeln für ein „Mopedauto“ hielten. Es störte mich keineswegs. Im Gegenteil. Ich fühlte mich sicherer, wenn auch meine Mitmenschen mehr Vorsicht walten ließen. So kam ich auf den Gedanken, mein fahrerisches Unvermögen der Auto-fahrerwelt auch tagsüber zu signalisieren. Als unmissverständliches und allgemein anerkanntes Symbol für negative Fahrkünste wurde einstimmig die Anschaffung eines Hutes beschlossen und sogleich ein elegantes Modell „alter Tatterich“ erstanden. „Doppelt genäht“ hält bekanntlich besser und daher wurde ferner ein gehäkelter Überzug für eine Klopapierrolle (hellblau mit dunkelblauen Rüschen, selbstverständlich farblich zu der Innenausstattung passend) in Auftrag gegeben. Einen weiteren konstruktiven Vorschlag Marke „Achtung Christkindl am Steuer“, nämlich einen Wackel-Dackel mit rot aufleuchtenden Bremsaugen, musste ich leider aus akut werdendem Platzmangel verwerfen.

Allerdings, als eine Neuauflage von Wackel-Elvis auf den Markt kam, konnte ich einfach nicht widerstehen. Auch wenn ich dadurch ein Mordsgedränge in meinem Gefährt riskierte, ich musste diese ungeheure Scheußlichkeit auf der Stelle besitzen! Das geniale Fahrzeug ist innen weitaus größer als außen, so machte sich in weiterer Folge noch das schwarze Schaf Alfred auf dem Beifahrersitz breit und ein anderes schwarzes Schaf, Jean-Pierre (eine, von einer Arbeitskollegin beigesteuerte Wackelausführung!), nahm das Armaturenbrett in Beschlag. Danach brachte mir mein Sohn Martin von meiner Schwester aus Kanada einen Mercedesbären mit, dem ich kurzerhand den Namen Helmut verpasste. Sie führt in ihrem erwachsenen Mercedes seinen Zwillingsbruder mit, den sie dann prompt und fast konform Meinhelmut benannte. Der Ordnung halber muss ich noch Castor und Pollux erwähnen, zwei Kleintiger, die auf den Sicherheitsgurten herumklettern. Im Gegensatz zu dem übrigen Plüschvolk (leider gab es keine schwarzen Schafe in dieser Ausführung) war diese Anschaffung sozusagen lebensnotwendig. Da ich (verdammt und verflucht) kleinwüchsig bin, schneidet sich jeder Autogurt in meinen Hals ein – daher also diese putzigen Tierchen, die übrigens eben für diesen Zweck für Kinder konzipiert wurden.


Eines Tages fand ich hinter dem Scheibenwischer meiner geparkten Karosse einen Zettel mit der Bitte, vor dem Wegfahren bei Frau Sowieso anzuläuten. Sie spitzte auf meinen freizuwerdenden Parkplatz. Ich läutete an. Eine junge Frau stürzte hastig an mir vorbei und blieb bei meinem SMART ratlos stehen. Als ich behäbig watschelnd nachkam und die Autotür aufsperrte, musterte sie mich verdattert und piepste verlegen: IIIIHNEN gehört DAS Auto? Tja, offensichtlich hat sie ein Kleinkind und nicht eine alte Schabracke erwartet.

Das Ein-/Ausparken erwies sich als echtes Problem. Am zweiten Tag meiner „Selbständigkeit“ fuhr ich mit einem Bekannten ins Büro, er parkte mich ein und haute mit der Schnellbahn ab. Fürsorglich, wie es sich für einen wahren Freund gehört, setzte er meinen Mätschbox-Mercedes knapp vor eine Einfahrt - um mir ein mühsames Herauswinden zu ersparen. Am Abend hatschte ich zum Auto, meinen Zündschlüssel fröhlich in der Hand schwingend - und musste mit Schrecken feststellen, dass sich direkt vor mich, mitten in die Aus-fahrt, eine riesige Limousine gequetscht hatte! Geistesgegenwärtig kramte ich in meiner Handtasche nach dem Handy um Hilfe herbeizurufen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich anmerken, dass die Damenhandtaschen nur von einem eingefleischten Weiberhasser erfunden werden konnten. Eine Damenhandtasche fasst so ziemlich alles, rückt es jedoch nie wieder heraus! Eines Tages war ich des ewigen Herumkramens leid und beschloss, die strategisch wichtigen Stücke mit je einem dieser modischen Stofftieranhänger zu versehen. Sie sind lustig, praktisch zu ertasten und federleicht. Ich erstand eine kleine Herde schwarzer Schafe und hängte je ein putziges Tierchen an meinen Schlüsselbund, Kleingeldbörse usw. Diese raffinierte Maßnahme erwies sich jedoch als glatter Reinfall. Glücklicherweise fuhr das feindliche Fahrzeug davon noch bevor ich mein Handy aus der Schafsherde herausfischen konnte.

Anderntags fand ich in der Früh einen fabelhaften „Blondinenparkplatz“ den ich jauchzend im Frontalangriff einnahm. Abends schraubte ich mich schwitzend im Rückwärtsgang heraus, obwohl – unter uns gesagt – auch ein Blinder hätte es mit „links“ geschafft. Dennoch : keine Zeugen, keine Schande.

Während der ersten Zeit meines motorisierten Daseins hatten meine Arbeitkollegen Telefonbereitschaft. Sie versprachen mir, mich ein- bzw. auszuparken, sollte ich keinen hierfür benötigten Radius von 300 m vorfinden. Es kam wie es kommen musste: ein schwarzer Freitag. Es begann in der Früh damit, dass mein Mann mein Auto nicht „tafelfertig“ vor die Ausfahrt hingestellt hatte. Ich schob mich minutenlang Zentimeter weise nach vor- und nach rückwärts, bis ich plötzlich den Kofferraum von Fiat meiner Tochter direkt vor meiner Nase erblickte. Ich erstarrte vor Schreck, ergriff das Handy auf dem Beifahrersitz und krähte meine gestresste Tochter hysterisch an, sie solle auf der Stelle hinuntersausen und mich befreien, da ich an ihrem Auto picke, sodass ich nicht mehr einmal aussteigen kann. Sie kreischte genervt zurück, dass ich in diesem Fall Pech habe, da sie gerade dabei ist, ihre süßen Kinderchen anzuziehen und ich müsse eine gute Viertelstunde ausharren, bis sie ihre Meute überwältigt haben wird. Nach zehn Minuten fror ich bereits wie ein Schneider, zwängte mich auf den Beifahrersitz und schnaufte aus dem Fahrzeug in die Freiheit hinaus. Draußen stellte ich fest, dass der Abstand zwischen den beiden Autos in Wirklichkeit mehr als einen Meter betrug, stieg wieder ein und fuhr munter davon. Weiteres Malheur erwartete mich vor meiner Firma – überall nur schwache 50 m zur Verfügung!

Ohne zu zögern fuhr ich ins Firmenareal hinein, stellte das Auto vorschriftsmäßig mitten im Hof ab und jodelte, den Autoschlüssel über dem Kopf schwingend: wer parkt mich denn ein?! Der Hilfsarbeiter sprang bereitwillig herbei, nach drei Minuten brachte er mir den Autoschlüssel (samt Schaf) ins Büro und meldete stolz, dass mein Juwel geradezu genial eingeparkt sei, sodass ich nach Dienstschluss ungehindert loszischen kann. Mitnichten. Mein Smart stand auf der anderen Straßenseite! Ich hätte demnach in der Kreuzung nach links abbiegen müssen – und das hatten wir mit Rudi noch nicht geübt! Ein unüberwindbares Problem. Die Kollegen ließen mich aber nicht in Stich. Renate lief mit mir auf die Straße und hielt gebieterisch den kompletten Straßenverkehr an, damit ich in aller Ruhe wenden kann. Die Lenker der angehaltenen LKWs brüllten vor Lachen, als sie mitten auf der Fahrbahn eine kleine Dickmadam’ in einem Tretauto herumkrabbeln sahen. Ich war dermaßen aus dem Häuschen, dass ich versuchte mich aus dem Staub zu machen mit angezogener Handbremse und eingeschalteten Nebelscheinwerfern.

Am folgenden Wochenende haben wir mit Rudi das Einparken geübt. Es war wirklich kein Problem. Mit Rudi. Auf dem Heimweg stieg Rudi aus und verschwand mit seinem obligaten Schlachtruf „Du schaffst es!“ Derart angespornt raste ich mit meinen gewohnten 30 km/h heimwärts, wo ich fünf Minuten später mit Halali die Toreinfahrt in Angriff nahm. Ich schob mich in geübter Manier Zentimeter weise hin und her bis ich nach bloßen 20 Minuten mein Fahrzeug so meisterlich einparkt hatte, dass sogar genug Platz zum Aussteigen übrig blieb.

Es folgte ein herrlicher Tag. In der Früh: das Auto vor der Einfahrt, die Scheiben enteist, auf dem Parkplatz eine wahrlich blonde Lücke, am Abend weit und breit kein feindliches Fahrzeug! Die Welt war wunderschön, das Glück war meins!

Eine Bekannte gratulierte mir per Mail in Namen der weltweiten Weiberorganisation zur „Unabhängigkeit vom männlichen Element und zur gewonnenen Freiheit!“ Ehrlich gesagt, ich beherrschte damals das Autofahren nur auf der Strecke Haus-Büro-Haus. Wo bitte war da die Freiheit?!

Nun ja, die erste Bilanz meines Autofahrerdaseins fiel immerhin erfreulich positiv aus. Mit Überraschung stellte ich fest, dass der Betrieb eines PKW im Vergleich zum Fahrrad ungemein sparsam ist. Im Stadtverkehr komme ich auf ca. 3,8 L/100 Km, d.i. eine Ausgabe von max. 18 EUR pro Monat (inklusive der Leihfahrten meiner „Männer“). Hinzu kommt noch die Versicherung samt Steuern von rund 450,0 EUR/Jahr. Aus! Mit dem Fahrrad gab ich für die Einkäufe mindestens 150 EUR/ Woche aus! Mein Mann zeigte ein großes Verständnis dafür, dass ich zum Einparken einfach zu dämlich wäre und erledigte bereitwillig die Familienbesorgungen. Ich nahm mir vor, die Kunst des Einparkens nicht allzu schnell zu beherrschen. Auch glaubte ich allzu gerne, dass das Tanken die Fähigkeiten einer Frau schier übersteigt. So bin ich zu der Ansicht gelangt, dass die ganzen Blondinenwitze von den (raffinierten) Blondinen in Umlauf gesetzt wurden. Ich war auf dem besten Weg blond zu werden.

Es kam dennoch der Tag, wo ich alleine zur Tankstelle musste. In der Früh zwinkerte mir die Minizapfsäule auf dem Armaturenbrett neckisch zu – mein Sohn Martin fuhr den Tank in der Nacht leer und vergaß nachzutanken. Ich wünschte mir, mein Goldstück würde wenigstens einmal vergessen, dass er gar so vergesslich ist! Ich erreichte die nahe gelegene Tankstelle ohne Zwischenfall, bugsierte den Smart zur Zapfsäule und schlug die Bedienungsanleitung auf. Nach einer Weile fand ich den Tankdeckel, fuhr um die Zapfsäule herum und fing kurzerhand einen vorbeieilenden jungen Mann ab, dem ich mündlich meine absolute Blondheit offenbarte. Er war er sofort hilfsbereit, ohne sich über diese Aussage überhaupt zu wundern. Als ich dann zahlen wollte, wurde die Kassiererin bleich, sprang hinter der Theke hervor und rannte davon, als ob ich ihr mit einer Pistole und nicht mit meiner Kreditkarte vor der Nase gefuchtelt hätte. Ich lief ihr nach. Es stellte sich heraus, dass sie meine Zeche meinem Helfer abknöpfte, da sie nur ihn beim Smart hantieren sah während mich die Zapfsäule verdeckte. Er kaufte nur ein Frostschutzmittel, der Preis kam ihm zwar etwas überhöht vor, aber - mit den alten Schillingbeträgen, die wir alle noch im Hinterkopf hatten – doch wieder nicht so unwahrscheinlich. Außerdem wäre er nie auf die Idee gekommen, dass tatsächlich ein Auto existiert, das mit lächerlichen 15 EUR bereits vollgetankt ist.

Der folgende Winter hatte es in sich. Soviel Schnee gab es in Wien schon seit Jahren nicht mehr. Eines Abends entdeckte ich auf unserer Terrasse sogar einen Minischneemann. Wehmutig gedachte ich der Schneemannlegionen meiner Kindheit, stramme Burschen mit Augen und Knöpfen aus Kohlestücken, Karottennase und einem ausgedienten Blechtopf am Kopf. Mein Mann legte mir zwar nahe, bei diesem Wetter das Auto stehen zu lassen, doch ich hörte nicht auf ihn. Ich schaffte mir das Fahrzeug an, um eben beim Schlechtwetter bequem ins Büro zu gelangen. Mit meiner bevorzugten Reisegeschwindigkeit von 30 Km/H schlich ich begeistert durch die Schneestürme, in Kolonnen langsam dahinrollender Autos – endlich hatte ich das Gefühl, EIN RICHTIGER AUTOFAHRER zu sein. Es war ein wahrlich erhabenes Gefühl - bis mich Tages ein Mopedauto überholte.

Natürlich habe ich inzwischen einige Schnitzer auf meinem Konto verbuchen können, zum Glück jedoch nur kleine Lappalien. Obwohl ich eine Nachkriegsausführung bin, mein Nervenkostüm ist dennoch von hervorragender Qualität. Nach und nach erweitere ich mutig meinen Äkschn-Radius um neue Strecken. Ich bin mir sicher, dass ich in ferner Zukunft die Grenzen meines Heimatbezirkes sprengen und die weite Welt erobern werde!


Nadia Meißnitzer

Wien, März 2003



Mittlerweile bin ich zum stolzen Besitzer einiger Mercedes-Attribute geworden. Nebst dem Mercedes-Bären (mit Kapuzenjäckchen auf dem mit Silberfaden das Mercedes-Logo gestickt wurde) verfüge ich noch über ein Bleikristallglas mit eingeätztem Mercedes-Stern, einen silbernen Kugelschreiber (mit ebensolchem Stern), einen prachtvollen Seidenschal „Edition S“ und einen Knirps mit schmuckem Merceders-Logo, allesamt Geschenke meiner Schwester, die sich nach gründlicher Untersuchung meines Spuckerls sehr enttäuscht zeigte, da sie nirgends, aber wirklich nirgends den berühmten Stern entdecken konnte. Kann sein, dass sie mir eines Tages diesen Stern verehrt, damit ich mein Vehikel wenigsten optisch auf das Niveau seiner großen Cousins aufmotzen kann. Meine Schwester fährt SELBSTVERSTÄNDLICH einen Mercedes, Modell „Riesentrumm“.

Frantisek Strob, Böhmisch Budweis



Sehr geehrte Frau Meissnitzer,

spät aber doch bedanke ich mich für die Zusendung Ihrer Geschichte, ich danke Ihnen vom Herzen und gratuliere zu der meisterlichen literarischen Gauklerei. Ich freue mich schon jetzt darauf, dass Sie sich eines Tages einen Minibus anschaffen.

Mit Gruß

František Štrob



Sehr geehrter Herr Strob,

es freut mich, dass ich Sie unterhalten konnte. Mit Sicherheit schaffe ich mir keinen Minibus an, den hatten wir bereits – einen Toyota, den wir gekauft haben als wir ein Kind vom Kinderheim in Pflege übernommen hatten und somit aus unserer Familie ein „Volk“ wurde, das nicht mehr in einen gängigen PKW hineinpasste. Der Minibus diente uns treu über lange Jahre, bis unsere Kinder erwachsen wurden und sich ihre eigenen Vehikel zulegten. Meine Tochter Karolin’, die manchmal neureiche Neigungen zeigt, sehnte sich natürlich nach einer großen Limousine, auf gut wienerisch: „Riesenkübel“. Falls ich mich richtig erinnere, war ihr erstes Auto ursprünglich ein Golf, den sie innerhalb kürzerster Zeit tatsächlich in die Form eines Kübels zusammenstauchte. Das Mäderl rempelte damit überall an und ich war ständig damit beschäftigt, ihre Missgeschicke vor meinem Mann zu vertuschen. Sonderbarerweise hat sich meine liebe Karolin’ später über meine ersten Fahrversuche buchstäblich krummgelacht!

Nebenbei, heute habe ich mich als gestandener „alter Hase“ profilieren können. In der Früh fuhr ich einen Umweg, da mir die Stadtverwaltung über Nacht eine Einbahn umgedreht hatte. Darüber wurde ich dermaßen sauer, dass ich mich auf der Straße vor unserer Firma wütend in eine Kleinstparklücke quetschte (schwache 30 cm vor, 30 cm hinter mir) und einem ungeduldigen LKW-Fahrer hinter mir ein unanständiges internationales Handzeichen zeigte. Dies hat meine Laune deutlich verbessert.

Dank unserem Toyota machte ich mich zum Gespött auch ohne den Bus zu lenken. Ich kroch hinauf wie in den Hühnerstall und meckerte, dass ich wegen meiner „Größe“ keinen eleganten Einstieg schaffe. Meine Kinder trieben irgendwo ein Stockerl auf und sobald wir ausschwärmten, stellten sie mir das gute Stück bereitwilligst vor die Autotür. Jäh verzichtete ich auf diesen Komfort als ich merkte, dass sich die ganze Siedlung darüber amüsiert. Bei dieser Gelegenheit erntete ich zwar einige Male einen tobenden Applaus, doch als eines Tages ein Scherzbold den Marsch der Gladiatoren als Begleitmusik zu meinem Entrée per Maul trompetete, habe ich in Kärnten das Einsitzen mit gleichzeitigem forschen Aufhüpfen eintrainiert. Dies zog jedoch einen Nachteil mit sich: nachdem ich auf meinem Sitz landete, pflegte das Auto noch eine ganze Weile im höchst bedenklichen Maße zu schaukeln. Neeee – einen Minibus will ich ganz sicher nicht mehr!

Ich wünsche eine angenehme Woche

Nadia Meissnitzer



Lenka Dolínková, Ostrau

Liebe Frau Nadia,

Ihre Geschichte Abenteuer mit Herrn Smart gefiel mir sehr gut (und nicht nur mir). Ich muss Ihnen sagen, dass einiges so treffend beschreiben wurde, dass mir fast ein kalter Schweiß den Rücken hinunterlief, jener Schweiß, den ich stets verspürte wenn ich selbst am Steuer saß. Mit der Fahrschule machte ich ähnliche Erfahrungen wie Sie (bis heute bin ich überzeugt, dass ich meinen Führerschein nur deshalb besitze, da ich die Fahrgeschwindigkeit von 40 km/h noch niemals überschritten habe).

Der Fahrprüfer gratulierte mir und meinte, ich wäre rein theoretisch ein ausgezeichneter Autofahrer, doch es wäre ratsam, wenn ich mich auf den Beifahrersitz beschränken würde. Auch die Übungsfahrten mit meinem Mann spielten sich ähnlich ab wie bei Ihnen, aber mit dem Unterschied, dass mein Mann weder mit mir schimpfte, noch fluchte er. Als es ihm zu bunt wurde, befahl er mir anzuhalten und sagte (genauer gesagt: brüllte) : „RAUS!“ Ich wartete keine Sekunde lang, hielt auf der Stelle an und meinte nur, ich würde jetzt gerne ein wenig spazieren gehen und weg war ich. Ich ging spazieren. Etwa 7 Kilometer weit.

Das "Vergehen", wegen dem sich mein Mann derart hinreißen ließ, beruhte lediglich darauf, dass ich auf einem Feldweg einen Pferdewagen überholte und als ich mich wieder vorschriftsmäßig (auf dem Feldweg !) einreihen wollte, hatte ich nicht bedacht, dass vor dem Wagen noch ein Pferd hätte sein müssen. Mein Mann rettete dem Pferd das Leben indem er das Lenkrad im letzten Moment verriss. Nach diesem Zwischenfall wollte sich mein Mann auf keine Übungsfahrt mit mir mehr einlasen.

Auch er behauptet, dass ich eigentlich gar kein schlechter Autofahrer wäre, mit dem Nachsatz: nur auf einer menschenleeren Straße.

Im Gegensatz zu Ihnen fiel mir noch nicht ein, meinen Mann unter Druck zu setzen und zum Kauf eines Autos zu bewegen, das kleiner wäre als unsere Familienkutsche. Ich muss das ordentlich überdenken, es ist ein sehr guter Tipp.

Einen herrlichen Tag wünscht Ihnen Lenka Dolínková



Vera Ulrychová, Prag

Auch ich will nun versuchen einige Betrachtungen über meine Fahrkünste zum Besten zu geben. Unser erstes Auto haben wir 1976 gekauft, ich war damals 30 Jahre alt. Gleich danach machte ich meinen Führerschein.

Ich besuchte eine Fahrschule außerhalb von Prag, da die Frau meines Arbeitskollegen, die zufällig auch meine Gynäkologin war, ebendort einen guten Bekannten hatte. Es war im Winter, die ersten Fahrten absolvierten wir im Schnee mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 20 KMH. Diese Fahrten fielen spärlich aus. Dank dieser Protektion habe ich mir einige unangenehme Pflichtübungen erspart – zum Beispiel das eingehende Studium des Motors. Dies ist auch der Grund warum ich mich noch heute, wenn ich die Motorhaube aufklappe, wundere, was für ein Ding da drinnen eigentlich ist! Wenn die Scheibenwischanlage nachgefüllt werden muss, beauftrage ich selbstverständlich meine Männer und unlängst, irgendwo unterwegs war der Behälter leer und ich fuhr schnurstracks zur nächsten Tankstelle und erklärte dem Tankwart, dass ich mir die Hände nicht schmutzig machen will.

Der arme Bursche ahnte nicht, dass ich in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer habe, wo sich dieser Behälter befindet. Mein Fahrprüfer – stell Dir nur vor – war ein Polizist, den ich als meinen ehemaligen Mitschüler erkannte. Diesen Teil meines Berichtes kann ich also überspringen, es gab natürlich keinerlei Probleme und ich marschierte stolz davon, mit einem Führerschein in der Hand und der festen Überzeugung, dass ich mich nun schön hinters Lenkrad setzen und losfahren werde. Doch oha! Mein Mann hockte da wie der sprichwörtliche Frosch an der Quelle und entschied, dass ich einige Fahrten mit ihm absolvieren muss – angeblich damit ich mir nichts Böses antue. Es war mir von Anfang an klar, dass mein Mann lediglich um seine Blechbüchse besorgt war. Es war ein Skoda 120, er nannte den Wagen HUGO (an jenem Tag, an dem wir das Auto kauften, hatte Hugo Namenstag) – und wenn ein Mannsbild seinem Auto einen Vornamen gibt, dann ist diese Beziehung sehr innig und unsereiner kann keine Ansprüche mehr stellen. Ich versuchte dennoch, mir einen Platz hinter dem Lenkrad zu erkämpfen. Mein Mann brachte immerzu neue Ausreden hervor. Immerhin ließ er mich ein paar Mal fahren, ich fuhr dann im Schneckentempo dahin, er ließ aber mich niemals den ganzen Weg fahren, immer nur ein kleines Stück.

Einmal, bei einer unseren seltenen Fahrten, befahl er mir am Gehsteigrand anzuhalten, da er selbst weiterfahren wollte. Ich hielt also an, wobei das rechte Vorderrad am Gehsteig zu stehen kam. Mein Mann fuhr hoch wie von einer Tarantel gestochen und brüllte, ich hätte beinahe eine alte Frau überfahren. Selbstverständlich war es gelogen, wenn eine alte Frau auf dem Gehsteig überhaupt gewesen sein sollte, da wäre sie mindestens 100 m von mir entfernt. Es war aber just jener Moment, in dem er mir erklärte, dass er für meine Fahrkünste einfach keine Nerven mehr hat. Fortan fand er jeden Tag tausend Gründe, warum ich das Auto gerade heute nicht haben kann. Er traute sich eben nicht, mir ins Gesicht zu sagen, dass er mich nicht hinter dem Lenkrad sehen will, und zwar nicht um die Burg. Ich war es nämlich, die das meiste Geld für unseren Wagen herbeischaffte, auch meine Eltern steuerten einiges bei. Deshalb gab es immer irgendeinen „wichtigen“ Grund, warum ich gerade jetzt nicht fahren sollte. Einmal regnete es, dann wiederum war es zu heiß, oder aber ich war schwanger. Das letztere war jedoch kein Hindernis wenn ich das Auto anschieben musste weil der gnädige Herr zu tanken vergessen hatte. Und so ging es die ganzen Jahre weiter und wie wir die Autos wechselten, so wurden sie immer besser und kostspieliger und somit wurde es auch immer bedenklicher, ein so teures Fahrzeug einer solchen Dilettantin (mir) anzuvertrauen. Allerdings muss ich anmerken, dass unsere weiteren Autos (außer den Skodas) zwar nicht mehr neu waren dafür aber ausländischer Herkunft und für diese sind die Ersatzteile sehr teuer und Reparaturkosten verdammt hoch.


Viele Jahre gingen vorbei und ich glaubte nicht mehr daran, dass ich jemals fahren werde, da ich einfach keine Lust mehr hatte, pausenlos darauf hinzuweisen, dass ich auch einen Führerschein besitze, und dass ich zum Familienbudget einen Löwenanteil beitrage. Mein Führerschein versickerte in irgendeiner Lade und verrottete dort langsam....

Bis 1999. Meine Mutterfirma schlitterte damals in eine schwierige Finanzlage und musste einen Mitarbeiter in ihrer tschechischen Filiale kündigen. Der junge Mann, mit dem ich damals zusammenarbeitete war ziemlich lasch, also bekam er den Schwarzen Peter. Daraufhin fragte mich die Firmenleitung, ob ich reisen würde. Und ich antwortete stolz, dass ich da keinerlei Probleme sehe, einen Führerschein habe ich wohl (ich erwähnte aber nicht, dass ich eigentlich so gut wie nie hinter dem Lenkrad saß) und kann mich also jederzeit auf die Socken machen. Da ich mich nicht mehr von meinem Mann piesacken lassen wollte, suchte ich die nächstbeste Fahrschule auf. Der Besitzer ließ mich zuerst zwei Stunden am Trainingsgerät üben und meinte dann: aber gnädige Frau, ich vermisse bei Ihnen die richtigen Fahrgewohnheiten.

Ich hatte nicht den Mumm zuzugeben, dass ich nicht nur nicht über die richtigen sondern über gar keine Fahrgewohnheiten verfüge. Danach ließ er mich in den Wagen einsteigen. Er hatte einen neuwertigen Skoda und stellte mir einen seiner Fahrlehrer vor. Es war ein Männchen (Anm.: Vera hat einen stolzen Gardemaß), etwas über Fünfzig, so klein, dass seine Füße nur mit Mühe die Pedale erreichten. Dennoch war sein Sitz bis zum Anschlag eingestellt, aber nicht nach vorn sondern nach hinten. Vielleicht kompensierte er damit seinen Komplex ob seiner Kleinwüchsigkeit. Ich sah, dass er die Pedale nur mit den Zehenspritzen bedienen konnte. Er behauptete, so passt es ihm am Besten. Ich stand ihm gegenüber nur ein einziges Mal, beim Vorstellen. Ich überragte ihn um Kopflängen und so kroch er fortan lieber nicht mehr aus dem Auto heraus.

Bei unserer Jungfernfahrt in einer Villengegend, fragte er mich, wie ich das Ende einer Hauptstraße erkenne. Ich glotzte ihn verständnislos an, ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. „Nun gut, wie erkennt man den Anfang einer Nebenstraße“, fragte er weiter – „am Dreieck“, erwiderte ich. „Und wie sieht das Dreieck aus?“, lautete die nächste Frage. Da hatte ich das Gefühl, das Kerlchen wäre etwas begriffsstutzig. Die Depperte war aber ich, er wollte nur hören, dass das Dreieck auf dem Spitz steht. Es wurde mir mulmig. Ich habe alles längst vergessen und es half auch nicht, dass ich vorher meine alten Fahrschulbücher auf die Schnelle durchgeblättert hatte. Bei meiner Führerscheinprüfung habe ich seinerzeit alle erreichbaren Punkte bekommen, lang lang ist’s her. Ich wurde fortan bei jeder Übungsfahrt schweißnass, ich schwitzte auch dort, wo ich sonst niemals schwitze. Ich kaufte mir lässige Sporthandschuhe um zu kaschieren, dass sogar meine Handflächen verschwitzt waren wie die Türe eines Kuhstalls.

Der Fahrlehrer musste mein Trauma bemerkt haben, tat aber nichts dagegen. Wenn ich mich hinter das Lenkrad klemmte und die Autotür nicht sofort hinter mir schloss, hüpfte er heraus, rannte um den Wagen herum und schlug die Tür zu, damit ich mir einpräge, dass ein unaufmerksamer Autofahrer gegen meine Autotür krachen könnte. Dann fuhren wir zur Autobahn. Prompt brüllte er mich an, ich solle zum Teufel endlich weiterfahren, da ich endlos auf der Beschleunigungsspur dahinschlich. Ich war nicht imstande im Rückspiegel abzuschätzen, wie weit die Hintermänner sind bzw. ob ich genug Platz habe um die Spur zu wechseln.

Es dauerte sehr lange, bis ich mich an das verkleinerte Bild im Rückspiegel gewöhnt habe. Wenn ich zurückschieben musste, drehte er lieber selbst am Lenkrad, er konnte das Trauerspiel nicht mehr ertragen. Ich absolvierte rund zehn Fahrten, gelernt habe ich rein gar nichts. Der Wagen stand vor dem Haus, ich setzte mich hin und wieder hinein, werkelte „trocken“ mit dem Schalthebel herum und hoffte, dass ich auf diese Art und Weise das Schalten einüben kann. Schließlich erbarmte sich meiner mein Gatte und stieg mit mir in das Firmenauto ein um mit mir zu üben, bevor ich eine Alleinfahrt wage. Es ist eine alte Toyota Corolla, ein relativ langer Wagen. Ich war dermaßen nervös, dass ich beim Abbiegen über den Gehsteig fuhr und einmal landete ich sogar im Gebüsch. Mein Mann bekam auf dem Beifahrersitz einen Anfall als er jäh an der Windschutz-scheibe pickte, mit einem undefinierbaren Gewächs dicht vor seiner Nase.

Dennoch fuhr er weiterhin mit mir spazieren, Abend für Abend, bis ich es endlich wagte, alleine quer durch die ganze Stadt zu fahren. Ich verbat ihm, mich ständig niederzubrüllen, er war auch redlich bemüht, sich daran zu halten. Dennoch habe ich heute noch den Ton im Ohr, wie er damals mit mir – wie mit einem Rotzlöffel – zu kommunizieren pflegte : wo fährst du denn zum Kuckuck hin, halte dich rechts, fahr links, gib Gas, runter vom Gas, zum Teufel bremseehn !!!!!

Ich muss zugeben, dass ich bis heute nur ungern mit ihm fahre, ständig meckert er herum und kiebitzt auch ununterbrochen.

Vera



Alena Flohrová, Prag

Liebe Nadia, die lustige Schilderung Deiner Erlebnisse als Autofahrer rief in mir uralte Erinnerungen wach, die ich unter dem Titel „Mein Weg zum Führerschein“ zusammenfasse. Bereits die Überschrift lässt vermuten, dass dieser Weg partout nicht langweilig gewesen ist.

Alles begann damit, dass wir im Zuge unseres Studiums (Hochschule für Bodenkultur, Fach Gartenbau) eine Möglichkeit bekamen, den Führerschein zu machen, und zwar PKW+Traktor oder PKW+Traktor +Motorrad. Viele von uns, die niemals einen Führerschein in Betracht gezogen hätten, darunter auch ich, unterlagen dem Zauber dieses Angebotes und beschlossen, es wenigstens zu versuchen. (Anmerkung nm : es muss in den Sechzigern gewesen sein, also noch im tiefsten Kommunismus und die Chance, sich ein Auto anzuschaffen, war für viele ein schier unerreichbarer Traum. Um überhaupt auf die Warteliste /als potentieller Käufer !!/ zu gelangen musste man damals den vollen Kaufpreis auf ein zweckgebundenes Konto legen - und erst nach mindestens 10 Jahren Wartezeit konnte man das gute Stück tatsächlich erwerben.

Wenn man bedenkt, dass man das Geld erst verdienen, ersparen und danach noch 10-15 Jahre warten musste, konnte man sich leicht ausrechnen, dass man dann am Tage X unter Umständen für das Autofahren zu alt geworden wäre.) Als ich zu meiner Jungfernfahrt antrat, musterte mein Fahrlehrer etwas ungläubig. Meine nicht einmal 150 cm „Lebensgröße“(Anm. nm: diese „nicht einmal 150 cm” sind meiner Meinung nach maßlos übertrieben, ich selbst bin 153 cm „groß“ und die gute Alenka ist gut einen halben Kopf kleiner als ich!) und mein sehr jugendliches Aussehen haben ihn offensichtlich verwirrt. «Alsdann, steigen sie ein», sagte er schließlich mit einem leicht abwesenden Gesichtsausdruck. Ich bin ins Auto gehüpft, verlor mich darin, die Pedale waren für mich fast unerreichbar.

Erst betrachtete er mich nachdenklich eine ganze Weile und dann verschwand er. Zurück kam er mit einem hübsch dicken Polster. “Ohne Polster wird’s nicht gehen” meinte er trübsinnig “den müssen Sie immer mitbringen”. Zu seiner Überraschung fühlte ich mich keineswegs erniedrigt und jaulte freudig auf „Jawohl, DAS ist es!“

Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass von nun an alles glatt lief. Der Fahrlehrer entnahm meinen Papieren, dass ich in England geboren wurde (Anm : es war im II. Weltkrieg und Alenas jüdische Eltern lebten damals im englischen Exil). Ich habe keine Ahnung, ob der Fahrlehrer meinen englischen Wortschatz um die Motorsportterminologie erweitern, oder aber sich selbst die Fahrstunden etwas bunter gestalten wollte, jedenfalls fing er an, mir die Anweisungen in englischer Sprache zu geben. Es hatte jedoch einen Haken – nicht nur diese Terminologie war für mich ein absolutes Novum sondern auch praktisch alles, was mit einem PKW zusammenhing, inklusive der Beherrschung eines solchen.

Also machte ich ihm kurzerhand den folgenden Vorschlag : entweder wird mein Vokabular bereichert und wir werden unsere Konversation in Englisch fortsetzen, doch in diesem Falle - im Interesse der Verkehrs- sowie unserer eigenen Sicherheit - müssten wir wohl oder übel am Straßenrand parken, oder aber wird er mich in die Geheimnisse des Autofahrens einweihen, ohne dass ich meine Fremdsprachenkenntnisse pflege. Obwohl wir uns auf die zweite Variante geeinigt haben, habe ich mich fahrtechnisch nicht gerades als Talent erwiesen und unsere Fahrstunden bargen so manche Überraschungsmomente in sich, für beide Teilnehmer.

Dennoch, allen mannigfaltigen Tücken zum Trotz, kam es doch noch zu den Fahrprüfungen, für den PKW als auch für den Traktor. Zum Schluss stand nur noch die Alleinfahrt mit dem Traktor auf dem Programm …. Auch hier war der Polster unumgänglich, doch auf dem schmalen Traktorsitz stellte dies, wie sich später herausstellte, ein Riesenproblem dar. Ich fuhr also mit dem Traktor auf der Straße und war schon fast bei der Fahrschule angelangt, vor der der Fahrlehrer mit dem Prüfer auf mich wartete. Plötzlich tauchte eine kleine Gruppe von Bäuerinnen auf, die just in diesem Augenblick die Straße überqueren wollten, auf der ich mit dem Traktor dahinratterte.

Auf einmal kreischte eines der Weiber auf (und wie die dortigen Frauen kreischen können!): „Um Gotteschristiwillen, da kommt ein Traktor daher, ganz von alleine!“ Ich werde wohl nie erfahren, ob mich die Frau aus ihrem Blickwinkel tatsächlich nicht sehen konnte oder ob ihr da ihre Phantasie einen Streich spielte. Das Weibsvolk jaulte unisono auf und wollte sich Hals über Kopf in den Straßengraben werfen. Eine Bäuerin, sichtlich verwirrt, sprang im letzten Moment in die verkehrte Richtung – und beinahe unter die Räder meines Traktors. Auf dieser kurzen Entfernung konnte ich den Traktor nicht mehr zum Stehen bringen, es blieb mir nur eines übrig: ich verriss jäh das Lenkrad und holperte seitlich von der Straße ab. Bei diesem Gewaltakt rutsche der Polster unter meinem Hintern weg, worauf ich prompt jeglichen Kontakt mit den Pedalen verlor. Mein Traktor überquerte den Straßengraben und kroch langsam die Böschung hinauf. Und auf dem Traktor thronte ich – in meiner ganzen Ohnmacht. Das Gefährt kam erst oben zum stehen, an einer uralten, angeblich hundertjährigen, Linde. Ich wartete nicht weiter, rutschte hinunter, lies den Traktor Traktor sein und rannte mit gesträubten Haupt- und Nackenhaar in die Fahrschule hinein.

“Ein Weib lief mir unter die Räder, dem ist nix passiert, aber der Traktor... „ Meine Knie waren wie aus Watte, ich stotterte und schlotterte und fiel atemlos auf den bereitgestellten Stuhl. Alle Fahrlehrer liefen hinaus und befreiten den Traktor - auch dieser blieb unversehrt. Man schimpfte mich nicht einmal, vermutlich glaubte man mir doch, dass es nicht meine Schuld gewesen ist. Die Hauptsache war, dass das verrückte Weib unbehelligt davon kam. Den Führerschein habe ich am nächsten Tag doch noch bekommen.

Allerdings berichtet die dortige Chronik darüber, dass die hundertjährige Linde allen Widrigkeiten der Zeit widerstand, bis der Führerschein einer kaum bemerkbaren Studentin ihr Dasein jäh beendet hatte. Und so wurde ich ungewollt zum Bestandteil der örtlichen Sagen.

Alena Peter, Zürich


Auf Empfehlung meines Verflossenen (kann sein, dass es eher seine Rache gewesen ist), empfahl ich mich in die Hände eines ältlichen Herrn, der die Weiber hasste, Lehrerinnen hasste er aber noch mehr, da er der Meinung war, dass diese gemeine Besserwisserinnen sind und wenn sie schon jemanden etwas fragen, dann nur um ihn zu prüfen. Deshalb sagte er immer zu mir: „fragen Sie nicht, starten Sie“ oder „Quasseln Sie nicht, fahren Sie!“ Es war schier unmöglich, von ihm etwas über die Innereien eines Wagens bzw. über deren Funktionen zu erfahren. Wenn ihm etwas nicht passte, trat er so abrupt auf die Bremse, dass man beinahe durch die Windschutzscheibe flog. Zu allem Überdruss fuhr sein Dackel auf dem Rücksitz mit.

Der Hund stank bestialisch, rutschte bei jeder dieser Radikalbremsungen vom Sitz hinunter und fing prompt an, zusammen mit seinem Herrchen, zu kläffen. Es widerstrebte mir, den Dackel wie einen Pelzkragen im Genick sitzen zu haben. Nach zwanzig Stunden Negativfortschritte und jeder Menge eingeimpfter Komplexe gingen wir im Bösen auseinander. Im Interesse der Kunden empfahl ich ihm, seinem Broterwerb anderweitig nachzugehen. Den Restunterricht absolvierte ich bei einem Tschechen namens Janda, einem feinen Kerl. Selbstverständlich kannte er jenen Trottel, da dieser ein branchenbekannter Armleuchter war.

Vor meiner Fahrprüfung klärte mich Janda über die Eigenheiten der Prüfer auf. Als er mich zur Prüfung begleitete, flüsterte er mir zu, dass der Spitznahme meines Fahrprüfers „Spiegel-Meier“ sei und ich solle demonstrativ übertrieben in sämtliche Spiegeln glotzen. Was einer Frau wahrhaftig keine Probleme macht. Nach rund 15 Minuten Fahrt lotste mich der Spiegel-Meier zu einer Tischlerei, wo er ein paar Bretter abzuholen hatte. Er ließ mich eine Viertelstunde im Auto warten bis er mit dem Tischler daherkam und die Bretter im Wagen verstaute. Während des Wartens dachte ich nach, ich hatte ja Zeit genug, und kam zu dem Ergebnis, dass ich mir den Führerschein vermutlich abschminken kann.

Dann setzten wir unsere Fahrt schweigend fort, schnurstracks zum Verkehrsamt, wo der Fahrprüfer ausgestiegen ist und wortlos davon ging. Ich blieb im Auto sitzen und harrte verunsichert der Dinge. Nach einer Weile erschien der Fahrprüfer in der Tür und rief „Fräulein, was sitzen Sie noch da? Sie hätten doch mitgehen sollen! Gehen Sie schon und holen Sie ihren Führerschein ab!“ Ich war so perplex, dass ich mich nicht einmal so richtig freuen und dieses Glück auskosten konnte, ich konnte es erst nach einigen Tagen fassen.

Danach kaufte ich mir einen Ford, eine alte Schüssel – für die ersten Dellen. Dellen gab es vorerst keine, dafür hatte der Kühler ein Loch. Als ich einmal nach Elsass fuhr, fing der Motor zu kochen an, mitten auf der Autobahn quoll plötzlich ein schwarzer Rauch unterhalb der Motorhaube hervor. Ich hielt am Pannenstreifen an und ich und meine Kollegin sprangen über die Leitschiene, um uns in Sicherheit zu bringen.

Wir dachten, dass das Auto gleich in die Luft fliegt. Der Rauch verflüchtigte sich und wir marschierten zu Fuß zum nächsten Bauernhaus. Der Bauer schob mit uns den Wagen von der Autobahn zu der nächstbesten Ausfahrt, er wollte selbst versuchen es zu reparieren, damit wir noch nach Hause fahren können. Aber alle Mühe war vergebens. Ich bestellte den Abschleppdienst, ließ dann den Wagen beim Bauern stehen und mit dem Zug fuhren wir wieder heim. Dort nahmen wir den Wagen meiner Kollegin, den ich vorerst verschmäht hatte, da es ein niedriger Fiat war, ein Sportwagen, zu dem ich kein Vertrauen hatte. Wir fuhren wieder los und diesmal ging es die Geschichte gut aus.

Einmal konnte ich auf einer eisglatten Fahrbahn nicht wenden und polterte in ein Haus hinein, ein anderes mal habe ich versucht, mich zwischen einen Holzhaufen und einen Kühlwagen durchzuzwängen, blieb aber hängen und schlitzte mein Auto wie eine Sardinenbüchse auf. Ich ließ die Autotüre austauschen und prompt darauf habe ich bei der Ausfahrt vom Parkplatz eine kleine Mauer übersehen und prompt das Mauereck gerammt, selbstverständlich mit der funkelnagelneuen Türe.

So holte ich die eingangs einkalkulierten Dellen doch noch ein und lebte damit weiter, bis ich mir ein anderes Auto gekauft habe. Wie zum Fleiß passierte mit dem alten Auto weiter nichts - vermutlich deshalb, weil für etwaige weitere Dellen ganz einfach kein Platz mehr vorhanden war. Das einzige was da noch gefehlt hätte, wäre ein zünftiger Totalschaden, doch dazu kam es Gott sei Dank nicht.

Dies ist meine Autogeschichte.